Erdrutschwahlsieg in Telgte - Das Wunder an der Ems?
Einen tollen Abend durften die Grünen in Telgte am Wahlsonntag erleben.
Die Ergebnisse der Kreistagswahlen waren bereits ausgezählt und es wurde, teilweise etwas irritiert, über das Ergebnis insbesondere im südlichen der beiden Telgter Wahlkreise diskutiert. Wolfgang Pieper lag mit 33,1 % der Stimmen nur um 3,7 % hinter dem CDU - Kandidaten Götz Zimmermann (36,8 %), SPD und FDP mit jeweils 13,1 % weit dahinter. Und auch die Kandidatin für den Nordkreis, Tatjana Scharfe, hatte
im traditionell schwarzen Westbevern 21 % ergattert und lag damit vier Punkte vor der SPD. Hier hätte man bereits ahnen können, was dann geschah:
Noch während die letzten Säulendiagramme zur Bürgermeisterwahl auf der Leinwand erschienen, wurde das erste Ergebnis zur Ratswahl eingespielt und verursachte - zunächst nur Schweigen im Walde. Irgendwo bei den Grünen fing jemand an zu klatschen, brach jedoch nach ein paar einsamen klapklap wieder ab und beriet sich lieber erst mit seinem Nachbarn. Aber langsam sickerte doch ins Bewusstsein, dass es sich um keinen Fehler, sondern um das tatsächliche Ergebnis des Wahlkreises 10 handelte:
Reinhild Spitz hatte diesen mit 33% und vier Punkten Abstand zur CDU direkt gewonnen. Da erhob sich ein Jubeln und ein Rufen links im Bürgerhaus, das aus tiefster Seele kam. Die Grünen, sie umarmten sich, sie rieben sich die Augen und sie tanzten.
Aber damit nicht genug, der Hammer kam danach. Gleich im nächsten Wahlkreis mit der Nummer 20 hatte Wolfgang Pieper mit einem Ergebnis von 48,8 % die CDU mit 26 % weit hinter sich gelassen. Das war unglaublich, damit hat wirklich keine(r) gerechnet. Nach diesem Ergebnis verließ Wolfgang erst mal das Bürgerhaus und blieb für die nächste halbe Stunde verschwunden.
Das ging jetzt nicht so weiter aber in allen Wahlkreisen holten die Kandidatinnen und Kandidaten der Grünen phantastische Ergebnisse mit Riesensprüngen nach oben:
Wahlkreis (WK) 30: 24,2 %,
WK 40: 27,6 %,
WK 50: 27,2 %,
WK 60: 30,2 % Fritz Adriaans fehlten nur 4,6 % zur CDU.
Und dann kam der Wahlkreis 70: Katja Müller holt das Direktmandat mit sagenhaften 41,2 % für die Grünen.
WK 80: 23,5 %. Diesen Wahlkreis holte Klaus-Werner Heger für die SPD.
WK 90: 25,9 %,
WK 100: 26,9%,
WK 110: 29,5 %,
WK 120: 28,2 %.
Und eine weitere Überraschung: Wahlkreis 130, Klatenberge und Kolpingsiedlung gehen an die grüne Valerie Kelling mit 38,7 %, satte 5,1 % vor der CDU.
Sogar im schwarzen Westbevern gab es gute Ergebnisse:
WK 140, Dorf: 20,4 %,
Nora Drügemöller verdoppelt im WK 150 das Ergebnis von 2004 auf 25,7 %,
WK 160: 20,4 %.
Insgesamt brachte die Wahl für die Grünen 29,2 % und damit das zweitgrünste Ergebnis in NRW, vier Direktmandate und neun Sitze im Rat. Welch ein Abend!
Ein Wunder? Oder doch eher Irdischen Ursprungs?
Orkotten und Klatenberge
- Möglicherweise ist den Leuten aufgefallen, dass sowohl im Orkotten, als auch in den Klatenbergen gegen den Widerstand vieler Telgterinnen und Telgter geplant und beschlossen wurde. Auch mochten wohl viele nicht der Rattenschwanzargumentation der Verwaltung folgen, nach der eine Feuerwache ein neues Einkaufszentrum und die Überplanung eines Heimgeländes ein doppelt so großes Wohngebiet nach sich zieht.
Während die Grünen ihre ablehnenden Positionen beiden Projekten gegenüber bereits gefunden und in Rat und Ausschuss dokumentiert hatten, bevor sich der Widerstand formierte, konnten sich die kritischen Stimmen innerhalb der CDU nicht durchsetzen. So unterstützte die CDU beide Projekte nach außen weiter.
Der Fraktionschef, Dr. Werner Allemeyer, versuchte daraus im Wahlkampf einen dialektischen Rittberger zu machen, indem er quasi sagte, die CDU insgesamt unterstütze wohl beide Projekte, zumindest aber in Bezug auf den Orkotten gebe es auch andere Meinungen innerhalb der Fraktion. Wo also “Hüh!” auf dem Bock gerufen wird säße “Hott!” auf der Pritsche. Möglicherweise haben die Wählerinnen und Wähler nicht gedacht “Die kann ich auf jeden Fall wählen, denn meine Meinung ist ja dabei” sondern “da weiß ich ja gar nicht was dabei rauskommt, da wähl ich besser mal die Grünen oder auch die FDP”.
Kompetenz für den neuen Rat
- Den Einfall, in dieser Situation einen Wahlkampf zu machen, in dem 20.000 Euro in Zeitungsanzeigen investiert werden und ansonsten ein einziges Plakat an die Laternen gehängt wird, kann man durchaus als ein gutes Stück über mutig ansiedeln.
Das Beste für Telgte
- zum Glück haben wir da unseren Nikolaus Niet, Texter und Kommunikationstrainer, den alten Häsinnen und Hasen wohl bekannt, da vor Jahr und Tag er selbst im Rate für die Grünen sprach. Und der Nikolaus sagte: “Ausgangspunkt und roter Faden dieser Kampagne muss das Programm der Grünen sein. Aber wir geben, wir schenken den Leuten auch etwas damit. Lasst uns dieses Geschenk so schön verpacken, wie sich das gehört”.
Und als Verpackung entstanden unter seiner Hand Stadtpläne, Plakate, die Spaß machen und zum Denken anregen und vieles mehr.
ENKELTAUGLICH. - MORGENHALTIG. - ZUKUNFTSMUTIG.
Diese Worte wird sich manche Telgterin und mancher Telgter auf der Zunge haben zergehen lassen.
Ebenfalls Herr Dr. Allemeyer sprach von einer Materialschlacht, die die Grünen führen. Zur Information: Die 20.000 Ocken, die die CDU mindestens in Zeitungsanzeigen investiert hat, reichen uns, um davon fünf Jahre lang drei oder vier mal im Jahr ein Pöggsken raus zu bringen und in fast alle Haushalte zu liefern. Ist nur mehr Arbeit.
Rückhalt und Unterstützung in Telgte
- Der grüne Kreisgeschäftsführer Meinolf Sellerberg nahm in der Mitgliederversammlung zur Listenaufstellung ein Wort in den Mund, dass in ganz Telgte gehört wurde: “Die Grünen in Telgte”, so sagte er, “sind auf dem Weg eine Volkspartei zu werden”. Prognosen sind schwierig. Besonders, wenn sie die Zukunft betreffen. Doch er behielt Recht! Nicht nur, dass die grüne Partei an sich während der letzten zwei Jahre gewachsen ist und, gleichauf mit Warendorf, einer der beiden Stärksten Ortsverbände im Kreis ist, auch die Fraktion besteht inzwischen aus über zwanzig Frauen und Männern, die mit viel Freude gemeinsam am Strick ziehen. Mit solch einer starken Truppe Politik und auch Wahlkampf zu machen ist keine Last, sondern eine Lust. Das Wahlergebnis ist kein Ausrutscher, sondern spiegelt im Gegenteil die Stimmung in der Stadt.
Und noch einmal muss Herrn Dr. Allemeyer geantwortet werden, der gegen Ende des Wahlkampfes darauf hinwies, dass seine Kandidaten und selbstverständlich auch die immerhin vier Kandidatinnen, die Kandidaturen mit ihrer Lebensplanung überein bringen können. Dies zielte wohl auf unsere Youngster, die möglicherweise mal studieren gehen und dazu die Stadt verlassen. Wenn sie dies tun, winken die Grünen in Telgte mit
dem Taschentuch und wischen sich später damit eine Träne aus dem Auge. Lasst mal was von Euch hören, besucht uns ab und zu und gebt am besten auch Euren Stab, bevor Ihr geht, an andere Junge Leute weiter, die unsere Fraktion genau so toll beleben wie Ihr es tut.
Nebenbei: Alle drei Kids haben in ihren Wahlkreisen hervorragende Ergebnisse erzielt. Wenn die CDU keine jungen Leute will, sollen die zu uns kommen!
Und es geht weiter
Wenn die Grünen der ihnen durch diese Wahl übertragenen Verantwortung gerecht werden und das hat jede und jeder ganz vorne in der Stirn, dann kann es möglicherweise ziemlich lange dauern, bis sie wieder schlechtere Wahlergebnisse einfahren als dieses mal.
Das mag als Erklärung für dieses Eigentlich-kein-Wunder an der Ems zunächst genügen.
Doch die Wahl wird wiederholt werden müssen. Die Grünen scheuen weder diese Auseinandersetzung, noch die Arbeit, die bevorsteht und werden auch einen zweiten Wahlkampf mit der gleichen Energie füllen, wie den ersten und das Ziel wird lauten: 29,2 + X.