„Die Revolution, die aus der Kirche kam.”
Christian Führer, Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, zur deutschen Vereinigung
Wie feiert eine kleine Stadt im Westen am besten den 20. Jahrestag der deutschen Vereinigung? Sie lädt zum geschichtsträchtigen Datum 9. November einen maßgeblichen Zeitzeugen, einen Motor des Freiheitsstrebens aus dem Osten ein. Und sie hat, in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Warendorf, gut daran getan.
„Und wir sind dabei gewesen.” Christian Führer, ehemaliger Pfarrer der Nikolaikirche Leipzig, die mit den Montagsgebeten zur Keimzelle einer Revolution wurde, ließ Zeitgeschichte lebendig werden und unter die Haut gehen. Unglaublich, dass so etwas geschieht: Eine religiös verankerte Friedensbewegung verändert die Grundfesten der sozialistischen Gesellschaft auf deutschem Boden. Dabei haben die Deutschen zu Revolutionen gewiss ein gespaltenes Verhältnis. Dass die auch noch friedlich, ohne Panzer, ohne Erschießungen, ohne Gewehre verlief…
Christian Führer hält – ganz in der Tradition des Volkes Israel – das Gedächtnis des Menschen für die entscheidende Triebkraft zur Veränderung. „Wer bin ich? Wo komme ich her?” heißt für ein Volk: Nur, wenn dessen Menschen wissen, woher sie stammen, wissen sie auch, wohin sie wollen. Wenn das so ist, wird die Gegenwart nicht zum Zufall und die Zukunft nicht zum Ernstfall.
Goethe, so Christian Führer, schrieb im 18. Jh., dass den Deutschen nicht daran gelegen sei, zusammen zu bleiben, aber schon, für sich zu bleiben: Das spiegelte sich in der Existenz von 36 deutschen Kleinstaaten wider. Heute würde Goethe, – im Besitz eines Weimarer Reisepasses – vielleicht als Nicht-Deutscher an der Grenze festgehalten. Frühere Deutschland entstanden jedenfalls nicht durch Moral, Demokratie oder Vernunft, sondern durch Krieg. 1871 entstand die Einheit durch Krieg; 1939 – 45 wurde sie durch Krieg vertan, den ein österreichischer Kleinbürger den Deutschen bescherte.
Nach den Erfahrungen mit dem Faschismus sowie 40 Jahren real existierendem Sozialismus und Kapitalismus, davon ist Christian Führer überzeugt, haben nicht gut ausgebaute Chausseen und Eisenbahnlinien zur Einheit geführt, sondern ein winziges Senfkorn, dem Gott die Kraft gab, durchzuwachsen und Mauern aufzubrechen. Die Friedensgebete für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung waren dieses Senfkorn.
Die DDR wollte ihre Bürger/innen zu 100 % vereinnahmen: vom Kindergarten über die Jugendweihe bis hin zum Dienst in der NVA sollte der sozialistische Mensch entstehen. Unter diesen Bedingungen gestaltete ein Christ den Wahlzettel so, dass er als Nein – Stimme galt und entging damit den Gesetzmäßigkeiten von “Es war schon immer so; das machen alle so.”
Christian Führer betrachtet rückblickend die DDR als 40-jähriges Trainingslager für den Glauben – aus einer „satten” Position wie der westlichen heraus kaum denkbar, dass „wir an Widerständen wuchsen und solche Phantasie entwickelten”. Das war durchaus mit Angst verbunden. Helden passten nicht dazu. Die passen zu Krieg und Sieg. Der Glaube allerdings war immer ein Stück stärker als die Angst.
In der Nikolai – Kirche wird im Jahre 1980 eine Friedensdekade begründet. Motto: „Es ist Krieg. Entrüstet Euch!” Nach den ersten zehn Friedensgebeten wird an einem Montag für 22 Uhr eine Kreuzmeditation mit Jugendlichen anberaumt. 130 „Elemente” – so der SED-Jargon – erscheinen. Die Kirche kommt den Gläubigen vor wie ein Paradiesgarten. Gleichwohl bedeutet das: mit beiden Beinen in der Bibel stehen; d. h., die Passion Jesu in das eigene Leben hinein nehmen. Die Jugendlichen werden ermuntert, ein persönliches Gebet an das Kreuz zu heften. Fast alle, ob Christ oder nicht, nehmen die Chance wahr – bis nach Mitternacht. „Hier kannst Du reden und sagen was Du denkst!” so das Empfinden. „Dona nobis pacem!” Das Kreuz verwandelt sich in ein Lichtkreuz.
Die Menschen machen in der Kirche Erfahrungen, die sie woanders nicht machen können: Kirche wird zum Raum persönlicher Freiheitserfahrung. Dass sie sich für Randgruppen öffnet, wird eine Wurzel der friedlichen Revolution. Die Kirche hat für Rollstuhlfahrer und Atheisten gleichermaßen niedrige Schwellen. Die zweite Wurzel für ein Geschehen, das damals niemand für möglich hielt: Die Erfahrung: „Jesus Christus kommt zu mir.”
1982 stellte die Gemeinde fest: 10 Tage mit Friedensgebeten sind zu wenig. Und so fanden sie ab dem 20. September 1982 jeden Montag statt. Warum gerade in Leipzig; warum in der Nikolaikirche? Sie war offen für alle; es gab keinerlei Eintritt, auch keinen Auftritt. Man konnte weder einen Firm- noch einen Führerschein erwerben. „Bleib’, solange Du willst.” war das Motto. Da hörte man einen knallbunten Iro, in Leder, mit reichlich Metall – Accessoires versehen, in einer Band namens ‚Wutanfall’ singen: „Ruinen schaffen ohne Waffen; Matratzen vom Container; jetzt machen wir los! Wir ham och wat gegen Papst und Kirche! Ich habe mich für die sozialistische Gesellschaft engagiert. Ein aufrichtiger Gang war in ihr physiologisch unmöglich.” Nach wenigen Minuten hatte er den Versammelten klar gemacht:; „Ich bin ich. Gut, dass es Euch gibt.”
Die Alternative: „Ihr könnt Euch das alles gegenseitig nachts ins Ohr flüstern.” Die Kirche war der einzige Freiraum, in dem alle Tabuthemen erörtert werden konnten. Es ging nicht darum, wer der Kirche angehörte, wer nicht. „Die jungen Leute haben uns als Kirche voran getrieben.”, so Christian Führer.
1986 wurde ein Gesprächskreis gegründet für Ausreisewillige, die ins Fadenkreuz der Stasi geraten waren. Auch diese Menschen waren zu Andachten willkommen.
Mitglieder der Basisgruppen, die den Staat von innen umkrempeln wollten, waren risikobereit, klug und phantasievoll. Aber sie hatten noch keinen tragfähigen Kontakt zur Bevölkerung. Die Ausreisewilligen zählten zu 100 000en. Beide waren unter dem Dach der Nikolaikirche willkommen. Glauben heißt: Vom Inhalt her denken: „Ist das, was wir tun, gut im Sinne Jesu?”
„Ich bin als Pfarrer mit Wundern groß geworden.”, so Christian Führer unverblümt. „Es ist mehr möglich, als möglich ist. Und: Humor ist ein guter Begleiter des Glaubens. Schade, dass er noch nicht heilig gesprochen ist.” Unter dem Thema ‘Leben und Bleiben in der DDR’ fand ein Gesprächsabend mit dem Superintendenten statt, der Kritik anmerkte: Sollte die Kirche sich als Speerspitze des Glaubens oder der NATO verstehen?
Die Frage, die Jesus an die Jünger richtete: „Wollt auch Ihr weggehen?” stellt der Pfarrer wörtlich auch den Gläubigen in der Nikolaikirche. Der Psalm 65 gibt Zuversicht: „Gott, Du machst fröhlich, was da lebt; im Osten wie im Westen.”… Vielleicht hält Gott auch über Dich als eingefleischtem Atheisten die schützende Hand.
8. Mai 1989: Die Zufahrtsstraßen zur Nikolaikirche werden abgesperrt. Nach 40 Jahren DDR bleiben da alle stehen. Wer keinen Leipziger Wohnort, bzw. kein Leipziger Kennzeichen hat, wird nicht herein gelassen. Aber die Bevölkerung geht auf die Sperren ein. „Hier geht das Land kaputt; und Ihr habt nichts Besseres zu tun, als die Leute daran zu hindern zu beten?” Sie beten für die Polizisten, praktizieren eine Entfeindung von Christus her.
11. September 1989: Vor der Nikolaikirche entsteht eine Knüppelei.
Sa., 7. Oktober 1989: Der 40. Jahrestag der DDR wird gefeiert.
Mo., 9. Oktober 1989: „Es wird Schluss gemacht mit der Konterrevolution!” Die Stasi organisiert eine Flut von Anrufen in Betriebe, Schulen und andere Institutionen: „Geht nicht in die Innenstadt! Die Montagsdemonstration fällt aus. Falls Ihr doch geht, kann es zu Gewalt kommen.” Parteifunktionäre haben den Auftrag, die Kirche zu besetzen, nach dem Motto: Wo die Partei sitzt, hat der Klassenfeind keinen Platz. Um 14.20 Uhr, zweieinhalb Stunden vor Beginn des Friedensgebetes, meldet der Küster: „Die Kirche ist gefüllt.” Je ernster die Situation ist, desto gelassener geht Christian Führer damit um: „Ich wundere mich, dass Sie jetzt bereits da sind, da doch das arbeitende Proletariat um diese Zeit am Arbeitsplatz erwartet wird.” Liederzettel werden verteilt, die Anwesenden eingeladen, sich mit den Texten schon mal vertraut zu machen. Die Funktionäre merken in der Kirche, dass ihre eigene Partei sie belogen hat. Auch Gott hat Humor: ‚700 Genossen auf einen Streich’.
80 % der Kirchenbesucher sind Nichtchristen. Es gibt für diese Situation keine Regularien; also gibt es auch keine Zerstörung. Der Raum der Kirche predigt mit.
‚Selig die Sanftmütigen. Nieder mit dem Gegner!
Seid nüchtern. Bleibt nicht im Kirchenraum. Es bleibt alles, wie es ist.
Selig die Armen im Geiste. Die Creme der Gesellschaft’
stehen sich gegenüber. Jesus Christus verkörpert die Macht der Gewaltlosigkeit. Sie bricht sich Bahn, weil sie nicht in der Kirche bleibt. Altar und Sprache gehören zusammen, nicht Thron und Altar.
70 000 Menschen formieren sich zur größten Demonstration, die die DDR je erlebt hat. Sie ist nicht genehmigt. Aber die Menschen halten Kerzen in der Hand. Dafür werden zwei Hände gebraucht. Für einen Knüppel oder ein Gewehr ist keine Hand frei. Zwischen Angst und Hoffnung sind sie losgegangen. Schritt für Schritt. „Keine Gewalt!” ist aus dem Volk geboren; es wird aus dem Volk heraus gerufen und praktiziert – von Menschen, deren maßgebliche Sozialisationsinstanz das System DDR war; die unter der Herrschaft des Nationalsozialismus die Maxime kennen gelernt hatten: ‚Gott ist überflüssig.’, im realen Sozialismus eingeimpft bekamen: ‚Gewaltlosigkeit ist ein gefährlicher Idealismus.’
Vom 9. Oktober 1989 gibt es nur wenige, heimlich aufgenommene Bilder. Der Vorgang ist dennoch erschütternd: Ein Wunder biblischen Ausmaßes. Offiziere sagen später: „Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.” Die chinesische Lösung, die im Juni 1988 auf dem Tian Nan Men – Platz in Peking demokratische Pflänzchen grausam zusammenschoss, wird nicht nachgeahmt. Die Menschen wissen: Heute Abend ist die DDR nicht mehr so wie heute Morgen. Heinrich Albertz kommentiert: „Die Kirche war beim Volk, bei den Unterdrückten”. Jesaja sagt im 1. Testament: „Glaubt Ihr nicht, so lebt Ihr nicht.” Die Genossen glaubten nicht; sie lebten nicht. „Er stößt die Gewaltigen vom Thron; er hebt die Niedrigen auf.” Paulus sagt über Jesus: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig”.
Kirche in der DDR im Jahr 1989 erweist sich nicht als Dienstleistungsbetrieb zur Befriedigung liturgischer Bedürfnisse. Sie lebt vielmehr in prophetischer Tradition. ‚Wenn die Zeit erfüllt ist, kann Gott nichts widerstehen.’ Die Vorläufer, denen sie sich verbunden fühlt: 1977 die Veröffentlichung der Charta 77 in der Tschechoslowakei; 1980 die Aufstände der Werftarbeiter in Danzig; 1989 die Ideen des Michail Gorbatschow von Perestroika und Glasnost.
Am 18.10.1989 tritt Erich Honecker zurück; im Novemberfolgt das gesamte Politbüro seinem Schritt. In Berlin findet die erste genehmigte Demonstration statt. Pfarrer Friedrich Schorlemmer sagt: „Das Volk hat die weggelacht.”
Am 9. Nov. 1848 wird während der ersten deutschen Revolution Robert Blum erschossen. Am 9. Nov. 1918 wird die Novemberrevolution in Russland beendet. Am 9. Nov. 1925 wird in Deutschland die SS gegründet. Am 9. Nov. 1938 zerstören die Nationalsozialisten in der Reichspogromnacht jüdische Synagogen. Am 9. Nov. 1989 fällt die Mauer: Ohne Hilfe von $ und DAX, ohne Hilfe von außen, durch einen Prozess der Selbstbefreiung.
Zwischen dem 9. Okt. und 9. Nov. gab es Treffen der Deutschen in Ost und West wie niemals zuvor. Der Psalm 65 des 1.Testaments schreibt schon vor fast 3000 Jahren: ‚Du machst fröhlich die im Osten und im Westen.’ Nach 40 Jahren DDR erhält der Vers der Becker – Hymne ‚Auferstanden aus Ruinen’ einen neuen Sinn. Der 9. Oktober wäre, so Christian Führer, für alle Deutschen ein guter Tag, die Einheit zu feiern. „Wir haben das Tor zur Einheit aufgestoßen!” sagt er selbstbewusst. „Nur jene Erinnerung ist fruchtbar, die verändert.” zitiert er Ernst Bloch.
Dass die Systeme und Zeiten im Sinne Jesu vermenschlicht werden müssen, ist für ihn Anstoß, im Jahre 1990 einen Gesprächskreis für Arbeitslose zu gründen.
„Früher war alles besser, sogar die Zukunft.” unkte weiland Karl Valentin. „Wir krankten an den Folgen 40-jähriger Entmündigung, hatten kein großes Vertrauen in eine andere Zukunft.” Sagt Christian Führer. zeigt Der Wohlstandsatheismus im Westen war mit christlichen Flicken verbrämt war, während der Osten auf einem Kindergarten – Niveau von Mündigkeit festgehalten wurde. Das gesicherte Dahinsiechen wie auch der chronische Bummelstreik lassen sich nur aufheben in dem Satz „Nur wer sich selbst ändert, bleibt sich treu.” ( Wolf Biermann )
Die Demokratie braucht eine gerechtere Wirtschaftsform als den Neoliberalismus: „Ich habe Geld noch nie arbeiten sehen.” Ruht das System nur auf den Regeln des Kapitals, fehlen ihm Bodenhaftung und Deckung. Dann bleiben Milliarden Hungernder Menschen dauerhaft als unheilvolle Wolke; sie können uns in den Abgrund ziehen. Martin Luther würde heute sagen: Der Markt muss durch das Gewissen begrenzt werden. So steht Teil II der friedlichen Revolution uns noch bevor: Die Gerechtigkeit Jesu einzufordern, bedeutet das Teilen von Bildung , Arbeit, Einkommen und Wohlstand.
Norbert Lammert sagt am 9. Oktober 2010: „Wir denken mit stillem Stolz und lautem Dank an 1989.”
„Ihr glaubt doch nicht, dass Ihr mit Euren Kerzen etwas verändern könnt, mussten sich die ostdeutschen Landsleute im Oktober 1989 anhören. „Der Mensch ist so bequem, dass er nur am Rande des Abgrunds entscheidet.” schätzt Christian Führer die Situation 20 Jahre später ein. Jeder Irrgarten hat einen Ausweg: Er ist nach oben offen. Wir brauchen den Aufblick, nicht den Blick auf den Profit. Im Sinne der friedlichen Revolution weitergehen bedeutet heute, im Jahre 2010, Solidarität. Wir waren nicht das Volk. Wir sind das Volk. Wir haben die Gnade Gottes in unabsehbarem Maß erfahren: Die Christen, die Genossen, die Soldaten. Dass das so geschah, haben die Deutschen nicht verdient, besonders nicht nach den Gräueln des Nazi – Terrors. Das alles geschah nicht wie unter einer asiatischen oder südamerikanischen Diktatur. „Wie hältst Du es mit der Religion?” Die Gretchenfrage sollte in der DDR so beantwortet werden, dass die Kirche von innen zerstört wurde. 28 IMs waren allein auf Christian Führer angesetzt. Sie sollten in operativen Vorgängen seine Persönlichkeit zersetzen.
Erich Honecker wurde nach dem Ende des realen Sozialismus in Ostdeutschland in sowjetischen Kasernen nicht aufgenommen. „Wir können ihm keine Sicherheit garantieren.” Das übernahmen dann die DDR – Kasernen und Pfarrer Holmers aus Lobethal. Dessen acht Kinder war der Zugang zur Hochschule in der DDR verwehrt worden.
von Bernhard Drestomark